Rezensionen



„Werdet wie die Kinder“ oder „Wenn die Suche nach der Wahrheit in den Abgrund führt“ von Peter Segler, Fixpoetry

„Schluss mit dem Geschreibe! Für immer und ewig!“, schrie er der selbstversteckten Mine nach. „Gott, ist das schrecklich, Künstler sein zu müssen!“

Das Cover des 80 Seiten starken Bändchens ist in unterkühltem Blau gehalten, abgebildet das verschwommene Foto einer scheinbar verrenkten, gnomenhaften Gestalt mit menschlichen Körperteilen und einem überproportionierten Schattenkopf.

Es sei vorweggenommen, dass sich das so angelegte Temperaturempfinden während der gesamten Lektüre nicht wesentlich verändern wird. Man tut gut daran, sich mit dem Büchlein an einen lodernden Kamin zu setzen oder wenigstens eine gut gefütterte Weste überzustreifen. Denn eines bemerkt man beim Lesen rasch: das Fehlen jeglicher Wärme; sei es die natürliche Wärmestrahlung der Sonne, jene einer technischen Heizung oder gar zwischenmenschliche Wärme. Letztere scheinen die Protagonisten in Landts Geschichten in ihrem Leben auch gar nicht mehr zu erwarten: „weil ich denke, dass im Mandelkern meines Gehirns jede Wahrnehmung nur noch im Kreuzverhör liegt. Und in diesem Verhör der Welten nur noch Ekel, Unverständnis und Überdruss an der Menschheit als Geständnis abgepresst werden, um mir für das restliche Warten den Irrsinn als Preis auszuhändigen.“ („Ich war neunzig“)

Auf ihrer Suche nach der grundlegenden Wahrheit sind sie ganz unten am Bodensatz der menschlichen Existenz angekommen.

Was finden sie hier?

Nun, wie zu erwarten, vor allem reichlich Dreck, Fäkalien, Abfall, menschlichen Müll: „Und nichts war giftiger für Menschen als sie selbst.“ („Das Los am Boden und anderswo“)

Ob es sich beim Gefundenen tatsächlich um die Wahrheit handelt, darf indes bezweifelt werden. Und selbst wenn es so wäre, welches ist der Preis dafür: „Schon wieder eine Tüte Müll, hatten Sie nicht gestern auch schon eine?“, fragt mich nett und mit einem falschen Lächeln im Gesicht die Nachbarin.“ („Selbstklebend“)

Der Preis für die abgründige Suche nach Wahrheit wird von Geschichte zu Geschichte immer deutlicher. Im Schmutz der menschlichen Gesellschaft wühlend riskiert man, fortan jedem freundlichen Lächeln Falschheit, jeder zwischenmenschlichen Annäherung Bedrohung, jeder verlangenden Liebe Geilheit zu unterstellen. Mit der gewonnenen Erkenntnis, dass alles, aber auch alles, den gnadenlosen Gesetzen der Evolution unterworfen ist, wird dem Leser insbesondere der Überlebenskampf auf seelisch-emotionaler Ebene vorgeführt.

Von diesem Standpunkt aus betrachtet, haben sämtliche menschliche Regungen oder Taten ihren Ursprung in egoistischen Absichten, ist Eigennutz Quelle aller Motivationen. Der Glaube an einen real existierenden Altruismus stirbt genauso sicher wie die Illusion vom „Guten“ im Menschen.

Von Friedrich Nietzsche wissen wir: „Die Zerstörung einer Illusion ergibt noch keine Wahrheit, sondern nur ein Stück Unwissenheit mehr, eine Erweiterung unseres leeren Raumes, einen Zuwachs unserer Öde.“

Und so ergeht es dann beispielsweise auch „dem Mann“ in Landts Erzählung „Lauflaub“: „Seine Augen waren stumpf und die Frau steckte ihn sich rein. Nur schnell mitmachen, und alles ist vorbei, spürte der Mann, schloss seine glanzlosen Augen und als er sie wieder öffnete, ließ irgendetwas zu, dass er allein war und sich auch so fühlte.“

Apropos „Frau“ – sie bekommt von Landt in den meisten Geschichten die Rolle des Täters zugewiesen. Im „Geschlechterkampf“ nur auf Macht und die Befriedigung eigener Bedürfnisse aus, verkörpern Frauen für die Protagonisten eine potentielle Bedrohung: „Die Frau sortierte ihre aus der Fassung rausgesprungene Verfassung, quetschte sich zurück in ihre kurzfristig verlassene Dominanz, schlug ein Märchenbuch auf, dachte: Das Äffchen hole ich mir zurück! Wo soll ich sonst in meinem Alter noch so ein Kerlchen herbekommen?, las das Märchen vom Däumling und suchte Maschen tiefer Gründe.“ („Kaminkleiddasein“)

Der Umgang von Frau und Mann ist geprägt von der ernüchternden Erkenntnis des schicksalhaften Aufeinanderangewiesenseins, vor allem in sexueller Hinsicht. Daraus wiederum resultiert eine gegenseitige, abgrundtiefe Verachtung. Keiner traut dem anderen mehr über den Weg. Die Strategien und Fallstricke sind allesamt bekannt, ebenso die Schutzreaktionen vor neuen Verletzungen. Da ist kein Raum mehr für Mitgefühl oder gar Liebe: „Der Mann und die Frau kannten sich. Die Frau kannte sein Gejammer, also jammerte er nicht, es reichte mittlerweile aus, sich alleine zu hassen, jahrelanges Reden, Offenheit hatte ihm nichts gebracht. Im Gegenteil, es gab keine Stelle mehr an ihm und in ihm, die nicht verwundbar war.“ („Gärtner der Leere“)

„Der Mann“ heißt in anderen Erzählungen auch Peter Sorgenich, Klaus Spurmann, Gotthilf Bummesang oder ganz einfach (und ehrlich) Herr Landt; und in der Tat scheint es sich dabei stets um dieselbe Person zu handeln. Überhaupt kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass die meisten der 31 Erzählungen des Bandes keine erfundenen Geschichten, sondern aufgeschriebenes, reales Leben sind, was deren Wert jedoch keinesfalls mindert.

Im Gegenteil, Jürgen Landt versteht es, mit seiner ganz eigenen Form von Literatur den Leser zu beeindrucken (oftmals natürlich auch zu schockieren), auf jeden Fall aber mit auf die Reise zu nehmen. Wohin freilich die Reise führt, wurde bereits geschildert.

Den Leser erwarten keine „schönen“ Dinge - Landts berüchtigte Fäkal- und Genitalsprache ist kein ästhetischer Genuss im Sinne von schöngeistiger Literatur -, dafür jedoch die verblüffende Erkenntnis, dass Menschen für ein glückliches, erfülltes Leben zwingend Verklärung und Illusionen brauchen.

Die biblischen Worte in Matthäus 18,3 „Werdet wie die Kinder“ habe ich in ihrer vollen Bedeutung erst begriffen, nachdem ich die Geschichten von Jürgen Landt gelesen habe.

Wir brauchen den Glauben an Wunder sowie die zauberhafte Beseeltheit der Dinge und Wesen um uns herum, sonst erlischt der Glanz in unseren Augen, werden wir unheilbar krank an der nackten, kalten Wahrheit der Welt.

Mark Twain sagte es einmal mit folgenden Worten: „Gib deine Illusionen nicht auf! Hast du sie verloren, so magst du wohl dein Dasein noch fristen, aber leben im eigentlichen Sinne kannst du nicht mehr.“

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Lektüre des neuen Erzählungsbandes „Letzter Stock im Feuer“ des Greifswalder Schriftstellers Jürgen Landt unbedingt zu empfehlen.

Quelle

Landt in Sicht! von Rüdiger Saß, Die Brücke

Auf fünfundsiebzig Seiten im Großoktavformat versammeln sich einunddreißig dichte, verdichtete Prosatexte. In gewohnter Art und Weise: gerade heraus, nackt und ungeschminkt wie die Wirklichkeit bewältigt Jürgen Landt in seinem neuen Buch „Letzter Stock im Feuer“ den Irrsinn des Alltags, des menschlichen Lebens und Erlebens. Dabei spannt sich der Zeitbogen des Erzählten über die letzten dreißig, vierzig Jahre. Das Buch beginnt mit einer Beschreibung des Arbeitsalltags in der sogenannten DDR („Lagerwirtschaft“), setzt sich fort mit Beobachtungen, Erfahrungen und mehr oder weniger devianten Verhaltensweisen in Geschlechterbeziehungen und öffentlichen Verkehrsmitteln (z.B. „Sitz im Kopf“), bis hin zu Befindlichkeiten und Erlebnissen in den Psychiatrien der bundesrepublikanischen Gegenwart („So schlimm, der letzte Abend?“ und „Ich war neunzig“).
Die Texte lassen sich in zwei Gruppen teilen: zum einen in rein erzählende Texte und zum anderen in Texte, deren Handlungsstränge von abstrakten Auf- und Abgesängen eingerahmt werden. Bei letzterem Textaufbau verwendet Landt in den Auf- und Abgesängen Signalwörter, die in den erzählenden Passagen wieder auftauchen und damit in einen Zusammenhang gebracht werden.
Landts „Letzter Stock im Feuer“ ist alles andere als Unterhaltungsliteratur, die mal eben - sozusagen zwischen zwei Mahlzeiten - konsumiert werden sollte. Jürgen Landt schreibt nicht, um zu gefallen oder aufzufallen, er schreibt, weil er schreiben muss, um dieses dreckige Ding, das sich Dasein schimpft, bewältigen zu können: „Ich hatte einen so schönen Freitagabend gehabt, eigentlich auch ein ganz ruhiges Wochenende, nur drei Pillen abholen müssen, ab und an mein vergangenes Verlorensein vor Spielautomaten gesehen, mein allgegenwärtiges Verlorensein, meine Verlorenheit der Zukunft, hin und wieder über meine suizidalen Schübe nachdenken müssen. Was für besinnliche Stunden.“ (Aus: „So schlimm, der letzte Abend?“)
Es ist nicht nur dieser besondere Landtsche Humor, der auch negativste Sachverhalte relativiert und somit erträglicher macht, nicht nur sein einzigartiger Duktus, der unter tausend Texten auf Anhieb den „echten Landt“ erkennen lässt, sondern auch die genaue Beobachtung, die bestechende Wiedergabe des Erlebten, die den Leser mitnimmt, ihn teilnehmen lässt: „Als der Mann in die Sackgasse bog, ließ der Regen nach. Nach und nach öffneten Menschen die Fenster. Gequatsche fiel auf die Straße. Spielfilmdialoge prasselten heraus. Werbegekreische hüllte sein Schlurfen ein.
Der Mann blieb stehen, steckte sich eine Zigarette an und hörte mitten in der Nacht: „… und als ich noch im Ministerium für Kultur in unserem Berlin saß, du glaubst gar nicht, wie bettelnd Künstler nach Veröffentlichungen waren! Aber da haben wir erst mal anständig gesiebt …“ (Aus: „Im Potpourri der unerträglichen Verträglichkeit“).
Viele Texte der vorliegenden Sammlung behandeln Geschlechterbeziehungen. Landt abstrahiert persönliches Erleben, indem seine Protagonisten in der Regel „Der Mann“ und „Die Frau“ heißen. Für Mann und Frau steht die Triebbefriedigung im Vordergrund. Sobald Gefühle im Spiel sind, geht die Sache schief, denn Landt führt uns Menschen vor Augen, die mit ihren Emotionen nicht umzugehen wissen und scheitern. Und durch dieses prekäre Zusammenspiel von Mann und Frau schimmern die Machtverhältnisse und Strukturen menschlicher Gesellschaften durch: „Im Fernsehen flimmerte Lilo Wanders` Wa(h)re Liebe und auf einer Segelyacht pimperte ein Kerl im Stehen von hinten eine sich krumm machende und am Geländer des Bootes klammernde Frau und winkte zeitgleich und freudig menschlichen Felsenhockern in weiter Ferne zu …“ (Aus: „Das Los am Boden und anderswo“).
Das vorliegende Buch thematisiert nichts weniger als die Grundfragen menschlichen Seins, Leben und Tod, Probleme der Vergesellschaftung, Sinnlosigkeit, Nihilismus ...
Ich hoffe sehr, dass dies nicht Landts „Letzter Stock im Feuer“ ist und lege dieses Buch all jenen ans Herz, die sich für kraftvolle, authentische Literatur jenseits der herrschenden Kulturspießigkeit interessieren. Literaturphilister sollten ihre Finger von diesen Texten lassen, Texte, die sich formal und inhaltlich oft auf Messers Schneide bewegen, auf grammatikalischer Gratwanderung: „In der Gützkower Straße waren die Schranken unten. Der Motor lief. Ich bekam Psychofurzen, öffnete die Fahrertür und kotzte. Der Zug kam nicht.“ (Aus: „Endlich“)

Aufdringliche Leichen von Mathias Schnitzler, Berliner Zeitung

Jürgen Landts "Sonnenküsser" räumt mit der Verklärung der DDR auf

Es gibt Bücher, die man getrost übersehen darf, weil sie der Rede nicht wert sind. Und es gibt Bücher, über die sich ein seltsames Schweigen legt; obwohl oder vielleicht gerade weil sie Schwerwiegendes hinterlassen. Jürgen Landts Roman "Der Sonnenküsser", erschienen vor fast zwei Jahren, wurde in keiner der großen deutschsprachigen Zeitungen rezensiert. Es gab Erwähnungen in der regionalen Presse, im Hörfunk, im Netz - ansonsten: nichts.
Eine Freundin machte mich auf das Buch aufmerksam. Der Titel gefiel mir, ich nahm es zur Hand, las es an einem Abend durch und war wie vor den Kopf gestoßen. Dieser Roman ist maßlos, roh, brutal. Er ist wahrhaftig. Und er ist gut. Eine derartig getriebene, aggressionsgeladene und vor Kraft strotzende Darstellung des DDR-Alltags hat es noch nicht gegeben. Verglichen mit Landt schrieb Plenzdorf zahnlos, schreibt Clemens Meyer zahm wie ein Internatszögling.
Zuchthaus Staat
Will man Uwe Tellkamps "Turm" samt seiner Darstellung der späten DDR wie gewünscht mit dem "Wilhelm Meister" in Beziehung setzen, so fände Landts Roman eine Entsprechung im "Anton Reiser" von Karl Philipp Moritz. "Der Sonnenküsser" beschreibt die DDR von ganz unten, aus der realen Unterschicht des existierenden Sozialismus. Landt erzählt nicht vom mehr oder weniger angepassten Bildungsbürgertum und auch nicht von politischer Opposition. Sein Coming-of-age-Roman handelt von willkürlicher Züchtigung und Zerstörung eines Jugendlichen durch die Familie, die Gesellschaft, den Staat.
"war ein mensch nie", fragt der Icherzähler, "auch nur ein einziges mal alleine und ungestört auf der welt? war man nur alleine und abgeschirmt irgendwann später im sarg unter der erde? oder wollten dann vielleicht die leichen auch noch etwas von den anderen leichen?"
Peter Sorgenich, 1957 geboren im vorpommerschen Demmin, ist ein intelligenter Schüler, doch er eckt früh an. Er widerspricht den Lehrern, hinterfragt die kommunistische Ideologie, verlacht die rückständige Muffigkeit der DDR. Nichts hasst er mehr als Gleichförmigkeit. Auf Repressionen reagiert er mit Wutausbrüchen. Sorgenich weigert sich die Uniformen von Jungpionieren und FDJ zu tragen, fängt irgendwann zu trinken an. Er schläft mit ziemlich vielen Mädchen, randaliert und kommt in den Jugendknast, der nichts anderes als ein übles Zuchthaus ist, wo rohe Gewalt herrscht. Die schweren, verdreckten Mäntel der Gefangenen sind von Schulterstücken und Knöpfen befreite Wehrmachtsbestände. Eine Kontinuität, die keineswegs überrascht.
Per Gerichtsbescheid ist Sorgenich nun ein "Asozialer". Das Abschlusszeugnis der Oberschule fordert "in der Zukunft eine ständige Kontrolle und konkrete Anleitung durch das Kollektiv". Der weitere Lebenslauf: Verweis aus der Lehre, Alkohol, Prügeleien, erneuter Jugendknast, verschiedene Arbeitseinsätze, lose sexuelle Kontakte und schließlich, wir schreiben das Jahr 1976, acht Monate Freiheitsstrafe wegen "Rowdytums". Das Buch endet mit einem Ausreiseantrag, der 19-Jährige verfasst ihn in der Zelle.
Dieser Roman, der in weiten Teilen reale Erlebnisse des Autors beschreibt, bringt Elementares in die Debatte um eine Verklärung des DDR-Regimes. Besonders auffällig neben der verlogenen Erwachsenenwelt, der permanenten familiären und staatlichen Gewalt sind die vielen Selbstmorde im Buch, ein Faktum, das die DDR gerne verschwieg. Sehnsucht nach gestern? Kein Unrechtsstaat? Darauf gibt es nun, eigentlich schon etwas länger, mit Jürgen Landts "Sonnenküsser" einen literarisch wertvollen Schlag ins Gesicht.
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Jürgen Landt: Der Sonnenküsser. Edition M. Bibliothek Mecklenburg-Vorpommern Band 5. Weimar und Rostock 2007. 331 Seiten, 18,80 Euro


Realität ist Zauberwald von Ronald Klein, Berlin

Der Ostsee-Poet Jürgen Landt legte erst diesen Herbst seinen brillanten Debüt-Roman 'Der Sonnenküsser' vor. Den Lesern ist der Greifswalder hingegen seit 20 Jahren als Meister der hintersinnigen Kurzgeschichte bekannt. In Zeiten, in denen der Mario-Barth-Humor auch die deutschen Lesebühnen heimsucht, kehrt Landt der stringenten Erzählweise den Rücken. Die Geschichten im neuen Band sind angenehm sperrig, keine Fast-Food-Literatur. Die meist zwei, drei Seiten lange Mini-Prosa bewegt sich grazil an der Schnittstelle zur Lyrik und eröffnet weite Interpretationsräume. Bereits die Titel wecken Neugier: 'MOOSE, NICHT ZÄHLBAR TIEF IM SUMPF'. Ähnlich offen der Anfang: 'Da lief er nun. / So verwirrt und bemoost vom Vorhandensein. / Obwohl er immer noch, mindestens auswendig, bis 100 Trilliarden hätte zählen können. / Keine Zeit, in diesem Sumpf zu wandern. / Angst, die Sonne anzuspucken. / [...]'. Wer sich für den Band Muße zugesteht und sich den Luxus gönnt, innerhalb kürzester Zeit, die Geschichten mehrfach zu lesen, wird bemerken, wie sich die anfänglichen Interpretationen immer wieder auflösen und sich neue Bilder formen. Mal intertextuell mit dem Roman korrespondierend, mal durch persönliche Erfahrungen inspiriert. Landt oktroyiert nicht. Sein Schreiben öffnet Räume: Für Literatur im Prinzip eine essentielle Eigenschaft, steht er leider mit einigen wenigen Kollegen auf weiter Flur allein. Es wird Leser geben, die überfordert den Buchdeckel zuklappen oder sich an bestimmten Schlagworten reiben. Wer hingegen von der Literatur mehr als nur kurzweiligen Zeitvertreib FORDERT, wird mit diesem Buch lange Freude haben.


Ronald Klein, Berlin



Jürgen Landt: Realität ist Zauberwald. Kurzgeschichten, Grabenstetten

Bench Press Publishing, 2008, 159 S., 14,90 Euro.


Skurriles über Männer auf vergeblicher Sinnsuche von Wolfgang Gabler, Ostsee-Zeitung


Nach seinem Roman „Der Sonnenküsser“, der im vergangenen Jahr viel Aufmerksamkeit fand, legt der Greifswalder Autor Jürgen Landt in kurzem Abstand nun seinen mittlerweile 8. Erzählband mit etwa 60 Kurzgeschichten und einzelnen Gedichten vor. „Realität ist Zauberwald“ verheißt sein auffällig märchenhafter Titel. Allerdings findet der Leser auch in dem verwunschenen Wörterwald den „alten“ Landt – noch radikaler als früher.

Eine der ersten Geschichten legt nahe, der „Sinn des Daseins“ – das wohl wichtigste Thema Jürgen Landts – sei gefunden worden: Ein Mann und eine Frau „waren plötzlich ein Paar“. Doch im Folgenden zeigt sich eher das Gegenteil einer Befreiung. Vor allem die männlichen Protagonisten der Geschichten, meist im fortgeschrittenen Erwachsenenalter, sind auf vergeblicher Sinnsuche. Sie flüchten regelmäßig in allerlei Süchte: Sex, Spiel, Nikotin, Alkohol. Um jedesmal festzustellen, dass auch hier keine Erlösung zu finden ist.

Das kennt man aus früheren Büchern Landts, nur ist nun der Grundton des Erzählens härter, kompromissloser, verzweifelter. Dabei wird dem Leser kaum etwas erspart, was die Figuren aufs Höchste in ihrer Existenz gefährdet. Und nach mancher Passage wird man das Buch erst einmal aus der Hand legen. Gleichzeitig besticht der Band durch seine präzise Beobachtung einerseits und durch seine immer wieder überraschenden Bilder andererseits. „Pökelpoker“ beginnt beispielsweise mit den Sätzen: „Das einschneidendste Erlebnis im Spiel seines Seins stand ihm noch bevor. Der Tod, das eingemischte Ende.“ In einem metaphorisch dichten und skurril-aberwitzigen Text liest man dann von einem Mann und einer Frau, die sich wie Spielkarten fühlen, die „ganz doll durchgemischt“ werden.

Trotzdem ist Landt mit seinem Thema der existenziellen Sinnleere an einem Punkt angekommen, der zwar auch künftig erzählerisch umkreist werden kann, aber künstlerisch kaum Neues erwarten lässt. Vielleicht liegt die ästhetische Perspektive dieses Autors tatsächlich im Roman. Hier müssen Komposition und Erzählweise komplexer sein. Dass Landt das kann, hat er kürzlich gezeigt.


Jürgen Landt: Realität ist Zauberwald. Kurzgeschichten, Grabenstetten

Bench Press Publishing, 2008, 159 S., 14,90 Euro.

Wolfgang Gabler

Demmin ist Twin Peaks von Ronald Klein, goon - Magazin für Gegenwartskultur

»dann riss ihr der damm. und ich war da«, lautet das erste Kapitel. Die gewöhnungsbedürftige Form des radikalen Kleinschreibens führt den Leser in eine Welt, die nur auf den ersten Blick fremd scheint: Protagonist Peter Sorgenich kommt 1957 in der Nähe von Demmin inmitten der DDR-Provinz zur Welt. Die erste Nahtod-Erfahrung erlebt das Kind im Alter von einigen Tagen, als die Mutter es derart rücksichtslos zudeckt, dass es zu ersticken droht. Weitere bizarre Unfälle folgen. Die Welt ist feindlich und das Elternhaus bietet keinen Schutz. Im Gegenteil: Die Mutter, unerträglich hysterisch, prügelt ihr jüngstes Kind bei geringsten Verfehlungen oder schickt Peter bei den kleinsten Beschwerden durch die Lehrerin oder andere vermeintliche Autoritäten bereits nachmittags ins Bett. Ob Peter wirklich etwas ausgeheckt hat, spielt dabei keine Rolle. Ein Riss im Schein der intakten Familie mit ordentlich erzogenen (das heißt gedrillten) Kindern bedeutet eine Schmach und wird bestraft.

Die Abwärtsspirale
Das permanent gedemütigte Kind erfährt in ersten Experimenten mit Alkohol, dass Schnaps den Schmerz dämpft. Schließlich entstehen daraus sogar Selbstbewusstsein und der Mut, die Regeln der dominanten Mutter, der unfähigen Lehrerin oder der farblosen Pionierleiterin zu brechen. Das geht nicht lange gut. Die neue Emanzipation, das Erleben der ersten Liebe stellen nur Glück von kurzer Dauer dar. Kritisch beäugen die Erwachsenen den selbstbewussten Außenseiter. Man spürt, dass sie nur darauf warten, ihm endlich etwas anhängen zu können. Es folgt eine endlose Odyssee durch die Knäste. Die Wiedereingliederungsversuche gelingen nicht. Peter bleibt stigmatisiert.

Kinderprostitution, häusliche Gewalt, Korruption
Es dauerte nach dem Mauerfall lange, bis das Alltagsleben der DDR literarisch verarbeitet wurde. Bis auf wenige Ausnahmen (z.B. Thomas Brussigs »Wasserfarben« oder Ingo Schulzes »Simple Stories«) konzentrierte sich die Erzählung auf die Verkettung humoriger Anekdoten ohne literarischen Anspruch. Daneben gab es Versuche, die andere Seite, das Widerstehen zwischen Kirche und illegaler Druckwerkstatt zu beschreiben.
Jürgen Landt, selbst in Demmin geboren, erzählt gekonnt aus einer anderen Perspektive, die bisher kaum wahrgenommen wurde: Die Sicht eines so genannten Außenseiters, der keinen politisch motivierten Oppositionellen darstellt, sondern in einer von Uniformität geprägten Gesellschaft einfach auf dem Recht der Individualität beharrt.
En passant schildert Landt in »Der Sonnenküsser« Kinderprostitution, häusliche Gewalt, Korruption. Diese Beiläufigkeit erzeugt beim Lesen eine Intensität, wie sie nur wenigen Erzählern gelingt. »Die Dinge sind nicht, wie sie scheinen«, formulierte William Shakespeare. Oder moderner ausgedrückt: Demmin ist Twin Peaks. Die Fratze des Bösen lauert aber nicht hinter den kleinbürgerlichen Masken, sondern ist ihnen immanent. Demmin und die DDR erhalten hier keine historische Funktion. Der äußerliche und zeitliche Rahmen des Romans verschwimmt. Dadurch wird er zu einer Allegorie, die sich problemlos übertragen lässt: Dort, wo kein Raum mehr für Selbstbestimmung ist, herrscht bald der Terror. Begriffe wie ›Außenseiter‹ oder ›asozial‹ stellen arbiträre Bezeichnungen dar, die bestenfalls etwas über die Perspektive der Gesellschaft, aber nicht die menschliche Qualität des Diffamierten aussagen.
Während im humanistisch inspirierten Entwicklungs- und Bildungsroman der Fokus auf dem Prozess des Protagonisten ruht, steht hier die Perspektive der Gesellschaft zur Debatte. Eine Gesellschaft, die in sich zwar schon modert, aber auch in ihrem Verwesungsprozess noch nicht fähig zur Selbstreflexion ist. Stillstand, Stagnation, Perspektivlosigkeit. Landt gelingt damit ein tragisches Moment doppelter Ordnung: Scheitert Sorgenich an der Gesellschaft, so zerbricht diese an ihrer kristallin-verlogenen Struktur. Ohne Sentimentalität und gerade deswegen unmittelbar und aufwühlend.

Das Buch des Monats: "Der Sonnenküsser" von Rüdiger Saß, www.aponaut.org

Nach acht Büchern voller Kurzgeschichten legt Jürgen Landt seinen Debutroman vor, den ersten Teil einer Lebensgeschichte, Kindheit und Jugend umfassend. Der Ich-Erzähler Peter Sorgenich, der bereits in einigen Landtschen Kurzgeschichten auftaucht, ist mit dem Autor, mit Jürgen Landt identisch. Landt, Jahrgang 1957, erzählt vom Leben, Leiden und Lieben im real existierenden Sozialismus der DDR, in einem Sozialismus ohne Sozialisten. Es ist die Geschichte eines Außenseiters, eines Individualisten, der in zwei Diktaturen hineingeboren wird, in die Diktatur eines allumfassenden Staates einerseits und in die Gewaltherrschaft der Mutter andererseits.

„meine geschichte nahm ihren engen verlauf“, schreibt Landt alias Sorgenich, „menschen gürteten einen kleinen jungen ein. und sie stanzten weitere löcher in seinen gürtel, um ihn eng in ihr muster des lebens zu schnallen.“
Sorgenich wächst in Demmin, einer pommerschen Provinzstadt auf. Er kapselt sich früh ab, geht eigene Wege, will allein, für sich sein. Er will selbst entscheiden, was er tun und lassen will. Doch das fällt schwer in einem Staat, der die Bedürfnisse und Belange des Kollektivs über die des Individuums stellt, ein Staat, der alle Menschen in seinem Machtbereich erfaßt, überwacht und zu formen versucht.
„war ein mensch nie“, fragt peter sorgenich, „auch nur ein einziges mal alleine und ungestört auf der welt? war man nur alleine und abgeschirmt irgendwann später im sarg unter der erde? oder wollten dann vielleicht die leichen auch noch etwas von den anderen leichen?“

Peter Sorgenich begehrt auf, instinktiv, mehr aus dem Gefühl als aus der Reflexion heraus wehrt sich der Junge gegen pausenlose Bevormundung, gegen dumme, inhaltsleere ideologische Phrasen. Sorgenich beweist Mut, er schwimmt gegen den Strom, während die Mehrheit der Menschen den Schwanz einzieht und mit den Wölfen heult. Er äußert seine nonkonforme Meinung im Unterricht, er trägt Kleidung des „Klassenfeindes“ und verstößt gegen Gesetze.
„gegen eine prügelei hatte ich auch nichts einzuwenden“, sagt sorgenich, „zumal ich ständig am überkochen war. der sinnlose unterrichtskram, die erdrückenden, lückenlosen kontrollmechanismen in der schule und das ruhelose zuhause, diese dummen zwistigkeiten der ewig aufeinander einhackenden eltern waren für mich glut genug, schufen knisternde körperanspannungen und aggressionen, die nach entladung verlangten. noch ahnte ich nicht, was alles auf mich zukommen sollte.“
Was Sorgenich nicht ahnte, war das Gefängnis, das Zuchthaus, das ihm winkte, das auf ihn zukam, nachdem er mit sechzehn Jahren wegen „Rowdytum“ zu sechs Wochen Jugendhaft verurteilt wurde. Diese Strafe machte Sorgenich endgültig zu einem Außenseiter, zu einem gebrannten Kind. Vater Staat entschied, Peter Sorgenich bedürfe nach der Haftentlassung einer ständigen Kontrolle und konkreten Anleitung durch das Kollektiv, da er sich grundsätzlich unmoralisch verhalte und ständig gegen die sozialistischen Grundsätze verstoße.
Das konnte nicht gut gehen. Und so endet dieser erste Band, der erste Teil der Leidensgeschichte des Peter Sorgenich mit einem Gerichtsurteil, mit einer Verurteilung zu acht Monaten Haft wegen „Rowdytums“ gegen den mittlerweile Neunzehnjährigen.

Peter Sorgenich ist ein böser Bube, ein bad guy, ähnlich dem Henry Chinasky in Charles Bukowskis autobiographischen Roman „Das Schlimmste kommt noch“. „Der Sonnenküsser“ ist ein Unterschichtsroman, Peter Sorgenich ist einer von unten, aus dem Volk, einer, der etwas zu sagen hat. Dadurch, daß der Autor weiß, wovon er schreibt, gewinnt der Roman eine Authentizität, die ihm die Qualität eines Zeitzeugnisses ersten Ranges verleiht. Jürgen Landt bedient sich konsequenterweise nicht der Hochsprache, keiner gedrechselten, weichgespülten Formulierungen, sondern schreibt schnörkellos und frisch von der Leber weg, kernig, kraftvoll. Der in zweiundsiebzig Kapitel unterteilte „Sonnenküsser“ liest sich wie chronologisch angeordnete Kurzgeschichten, wobei die eine und andere Episode auftaucht, die als eigenständige Texte in früheren Veröffentlichungen zu finden sind.

Das Eigentümliche der Landtschen Prosa liegt in den bedrückenden Gefühlen, in den Beklemmungen und der Hilflosigkeit, die sich durch seine Schilderungen menschlichen Miteinanders einstellen, eines Miteinanders, das immer ein Neben- oder Gegeneinander zu sein scheint, immer mißglückte Kommunikation, Haß, Egoismus, Gewalt, Dummheit, Teilnahmslosigkeit. Landt gelingt es wie wenigen, die Atomisierung moderner Gesellschaften in packende Worte zu kleiden, auf den Punkt zu bringen: die Vereinzelung, Ohnmacht und Isolation der Menschen, ihre All-Einsamkeit.

Rüdiger Saß

In halsbrecherischer Balance von Silke Voß, Nordkurier.de

Komisch und entlarvend lässt der Greifswalder Autor Jürgen Landt in „sonnenküsser“ durch seinen Helden Peter Sorgenich die DDR wieder lebendig werden.

Der „sonnenküsser“ ist da. In aller Plötzlichkeit und mit der Bildkraft des zunächst sonnig-freundlich klingenden Titels. Doch genauso unverblümt und manchem vielleicht ungebeten ist das, was dahintersteckt. Weiter als andere hoch hinaus muss man wollen, Licht und Wärme lieben, um die Sonne zu küssen. Doch das ist gefährlich, ja kaum erträglich ist die Idee, den Glutball mit zarten Lippen zu berühren. In solch halsbrecherischer Balance schwebt auch der Roman- Held im Debüt des Greifswalder Kurzprosaisten Jürgen Landt.

Die autobiografische Schilderung von Kindheit und Jugend des Ex-Demminers (Jahrgang 1957) bis 1975 durch sein alter ego Peter Sorgenich ist von unausweichlicher Präsenz. Plötzlich ist die DDR wieder da. Landt ignoriert den zeitlichen Abstand nach der Wende mit verblüffender Leichtigkeit und holt den als grau erlebten Provinz- alltag hautnah zurück. Ungeschönt, weitgehend reflexionsfrei erinnert er mittels des gesunden Blicks des Protagonisten an Spießigkeit, Provinzialität, Bigotterie, Mangelwirtschaft, Verlogenheit und entleertem Sinn.

Plastizität und Überzeugungskraft dieses Romans gelingen Landt, gerade weil er nicht direkt anklagt. Der Autor musste sich einfach nur erinnern. An archaisch anmutende Schweineschlachtungen, ans Altstoffesammeln, an Fahnenappelle, Jugendweihe inklusive Blutvergiftung, ans Eislaufen hinterm Freibad und dabei Stolpern über eingefrorene Selbstmörderinnen. Auch latenter Revanchismus und das allgemeine Schweigen über den Demminer Massensuizid 1945 werden nicht verschwiegen.

Viel des Geschilderten ist absurd genug, dass es weder zusätzlicher Ausschmückungen noch reflexiven Beiwerks bedarf – roh belassen, wirken die Episoden unglaublich komisch und erschreckend entlarvend zugleich. Der Humor entsteht im Kontrast zwischen der Lakonie der Schilderung und der Drastizität des Geschilderten.

Dieser Kontrast spiegelt zugleich die Kluft zwischen Idealen und Individualitätsanspruch des Jugendlichen und der banalen Realität im Gartenzwerg-Staat. Die wenigen Reflexionen haben zusammenfassende Funktion und sind beredt genug: „es gab nichts besseres als die wirkung von schnaps zu spüren. die ganze umgebung wurde so wunderbar außer kraft gesetzt (…) inneres unwohlsein in den unterrichtsstunden, bei fahnenappellen oder gruppenversammlungen war verschwunden (…) was wollten diese erwachsenen von mir, eltern, lehrer? was sollte ich ständig verteidigen? die DDR, die eltern, die lehrer, die erwachsenen? was verteidigten die jungen in meinem alter im bluttriefenden, alles zerfleischenden KAPITALISMUS? ihre messer zwischen den zähnen – oder ihre musik? die musik aus dem land der feinde hatte immerhin schon demmin erreicht.“

Seine unmittelbare Wirkung bezieht der Roman zudem aus seiner Authentizität. Mancher wird sich in der einen oder anderen Figur vielleicht sogar wiedererkennen – durchaus nicht immer zu seinem Vorteil. Jürgen Landt alias Peter Sorgenich ist einer, der genau beobachtet hat, der viele Fragen hatte, sich seine Antworten jedoch selber suchen musste. Einer, der gesund genug geblieben ist, sich einen unverstellten Blick auf das manipulierende System zu bewahren. Um einen hohen Preis: Jürgen Landt war immer wieder in Konflikt mit den Machtorganen geraten und hat Repressalien bis hin zum Knast erlebt. 1983 dann die plötzliche Ausbürgerung binnen zwölf Stunden. Doch das soll Gegenstand von Teil zwei sein, an dem der Autor bereits arbeitet.

Silke Voß


© Nordkurier.de am 03.11.2007

Romanautor Landt zeigt Ausbruch aus der Provinz von Dietrich Pätzold, Ostsee-Zeitung

Rostock (OZ) „Ständig steht was über Schlüpfer in deinen Texten", sagt die Ehefrau im Streit. „Meinst', mit diesen Schlüpferstorys gewinnst du je einen Preis? Schreib doch mal was übers Leben! ". Eine Szene aus Jürgen Landts Erzählungsband "In echt". Der Mann in der Geschichte kündigt daraufhin an, gar nichts mehr zu schreiben; sein Greifswalder Autor dagegen, bisher bekannt für lakonische und abgründige Kurzprosa, hat konstruktiver reagiert und sich in 50-monatiger Arbeit einen Roman über das Leben abgerungen.
,,Der Sonnenküsser", als fünfter Band der Reihe Bibliothek MV im Verlag Edition M erschienen, beschreibt die Entwicklung von Landts Alter Ego Peter Sorgenich zwischen 1957 und 1983. Beide wurden 1957 in Loitz geboren, wuchsen in Demmin auf, kamen mehrfach wegen Rowdytums ins Gefängnis und wurden nach Ausreiseanträgen 1983 in die Bundesrepublik ausgebürgert.
Auch Schlüpfer spielen wieder eine Rolle. Dem pubertierenden Ich-Erzähler Sorgenich wird ein unterm Frauenrock hervorlugender gelber Schlüpfer nebst dem, was er verbirgt, zur Verheißung, dass es wohl viele Sonnen geben muss.
Das Publikum bei der Buchpremiere am Dienstagabend in der "anderen buchhandlung" Rostock nahm diese und weitere Passagen vergnügt auf. Fast 50 Besucher waren gekommen, neben Rostocker Literaturfreunden auch neugierige Bekannte und Verwandte des Autors aus Denunin und Greifswald. Gründe, neugierig zu sein, gab es genug, denn mancher kennt Landts Art, jeden noch so kleinen Hauch von Erinnerungs-Verschönerung radikal zu verweigern und stattdessen das nackte Authentische mit Formulierlust, sprachlicher Präzision und zuweilen überraschender Poesie auszubreiten.
Auch der außenstehende Leser und Zuhörer spürt das provokante Achselzucken des Erzählers zwischen allen Zeilen: War doch so - ungelogen. Wegen dieser Beschreibungen wird es sicher noch Ärger geben, etwa mit Demminern: Wenn man dort zur Kenntnis nimmt, dass einer, der in den Siebzigerjahren mit seinen Kumpanen die Fensterscheiben der Schule demolierte, einen Lehrer und andere verprügelte und mehr auf seinem Schuldkonto ansammelte - und nun auch noch einen Roman darüber verfasste, mit dem sich Literaturpreise gewinnen lassen!
Die 72 durchnummerierten Abschnitte, fast eigenständige Kurzprosastückchen in radikaler Kleinschreibung, setzen auf 330 Seiten das Mosaik eines Lebens zusammen, das nach den Worten von Herausgeber Wolfgang Gabler ,die Schatten oder Kehrseite üblicher DDR-Biografien" zeigt. Und zwar nicht das heute medienülbliche Dissidententum von vormals Privilegierten aus der DDR. Hier erfahren wir, wie einer in der Enge der ostdeutschen Provinz heranwächst, intelligent und sensibel, und unter dem permanenten Anpassungsdruck der vormundschafthchen DDR-Gesellschaft, die sich in jede noch so intime Regung des Heranwachsenden besserwisserisch einmischt, fast gebrochen wird. Fast, denn seine Ausbruchsform (vor der Ausbürgerung) wird das Rowdytum.
Ein zweiter Ich-Erzähler, der das Ganze aus der Sicht nach 1989 reflektiert, meint über diese gefühlte Ausweglosigkeit: ,und doch schien gleichzeitig etwas in uns gewesen zu sein, das nicht aufgeben konnte, das sich wehrte. mein ganzer lebensinhalt erschien mir unendlich leer und war gleichzeitig restlos mit unruhe gefüllt. musste ich deshalb alles durchbrechen, zerbrechen, und sei es mich selbst?

Was Bukowski vergessen hat von Silke Voß, Nordkurier

LITERATUR Der Greifswalder Jürgen Landt wurde aus der DDR ausgewiesen. Jetzt beschreibt er seine Erinnerungen in einem Roman.
GREIFSWALD. „und dann riss ihr der damm. ich war da.“ Am Anfang des noch unveröffentlichten Romans „Frischeohnmacht“ (Arbeitstitel) von Jürgen Landt sind diese Sätze. Sie gebären Peter Sorgenich, das Alter Ego des Autors, in die Welt geworfen wie diese Worte.
Typisch Landt, das ist eine lakonische, schnörkellose Form ohne Idealismus und bemühten Stilwillen für einen drastischen, fast grotesken Inhalt zu finden. Zwischen den Zeilen entdeckt der empfindsame Leser, der sich von dieser nüchternen Unmittelbarkeit nicht irritieren lässt, einen aufmerksamen, unbeugsamen wie sensiblen Blick des Autors auf die Umwelt.
Die Worte müssen aus Landt wie nach einem Dammriss. Hätte er seine „Erika“ nicht gehabt, heute nicht den Computer und vor allem nicht den immerwährenden Schreibtrieb, wer weiß. Denn Landt, Jahrgang 1957, geboren in Demmin und aufgewachsen in trostloser Umgebung („ein paar monate später hockte ich in einem gelände, das noch immer einer hastig verlassenen großbaustelle glich: im hof vorm neubaublock mit abgeholzten bäumen, gestrüpp und riesigen schlammlöchern“, aus: „Frischeohnmacht“), hat die DDR als Raum mit wenig Platz für Individualität erfahren. Sich damit nicht abfindend, war er in Konflikt mit den Machtorganen geraten und hat Repressionen bis hin zum Knast erlebt. Die plötzliche Ausbürgerung 1983 ließ ihm nur 12 Stunden, sein Bündel – die „Erika“ musste unbedingt mit – zu schnüren. Nächste Station: Hamburg. Ausweisung, Durchsuchung und Ankunft beschreibt er in der Kurzgeschichte „übergegangen“ aus dem Band „in echt“: „ich wechselte zigmal die fahrbahn, bekam brennenden durst, verlor den griff des koffers, marschierte durch einen unverschlossenen türeingang auf einen hinterhof, klaute mir eine abgehängte wäscheleine und schlang sie verknotend notdürftig um meinen koffer.“
Von Verbitterung und damit Betroffenheitsprosa ist in den Texten des 50-Jährigen keine Spur, statt dessen erfrischender Humor. Das mag an der erzählerischen Naivität liegen, an einer Art unvoreingenommenem Betrachten und Beschreiben der Welt. Diese wertungslose Offenheit führt den Autor jedoch immer wieder in absurde Situationen, hält ihn aber auch davon ab, sich zu verbiegen.
Landts Kurzgeschichten sind dynamisch in amerikanischer Erzähltradition. Er selbst liest kaum – nur Charles Bukowski. Dieser Vergleich drängt sich beim Lesen auf, doch sind Landts Texte originär. „Ich schreibe nur, was Bukowski vergessen hat zu sagen.“ Diese Auffassung entspricht Bukowskis Definition von Kunst: „Wäre die Welt perfekt, bräuchte keiner Kunst.“ Für Landt, seit 1998 „nur einer Frau wegen“ wieder zurück im Osten, im „tristen“ Greifswald, ist die Welt nicht perfekt. Direkt politisch sind seine Texte dennoch nicht, auch wenn oder vielleicht sogar weil mit der DDR eine „Schreib-Mauer“ weggebrochen ist. Landt schaut, statt eine „Politneurose“ zu entwickeln, aufmerksam und kritisch als Chronist auf seine aktuelle Umwelt. Ist ihm sentimentale „Ostalgie“ nicht unerträglich? „Die Leute sind verrückt. Sie haben einen Haufen vergessen. Sollen sie doch heute mal mit dem Trabi bei einem OGS-Geschäft mit abgeschlagenen Kohlrüben, Limo mit ´nem Satz Zucker unten und ´nem Glas Erbsen mit verschmiertem Etikett vorfahren.“ Doch das sei nur das Materielle. Ganz zu schweigen davon, dass man „bestimmte Texte nicht lesen, geschweige denn veröffentlichen durfte.“ Doch das habe die wenigsten interessiert.
Hätte Landt seine in der DDR entstandenen und verbotenen Geschichten nicht vernichtet („alles Ballast“), wäre er sicher ein „Fall“ für die „verschwiegene Bibliothek“ der Edition Büchergilde. Bei Lesungen in Ostberliner Wohnungen – Landt war dabei – wurde mehr mündlich tradiert. Die Leute hatten von den unveröffentlichten Texten viel im Kopf. Das lässt an Truffauts Science-Fiction-Film „Fahrenheit 451“ denken.
Später wurde das Schreibtalent des Autors gefördert: mit einem Arbeitsstipendium der Stiftung Kulturfonds und Literaturstipendien 2001 und 2003 des Landes Mecklenburg-Vorpommern. Erschienen sind Bände mit Kurzgeschichten bei Edition Get Up & Shine, Tressow (Landkreis Müritz) und Bench Press Publishing, Grabenstetten (Baden-Württemberg.) Im Sommer soll sein autobiografischer Roman in der Reihe „edition m“ des Literaturhauses Rostock herauskommen.

Silke Voß
Jürgen Landt – Immer alles kurz vorm Tod (Kurzgeschichten) Libus Nr. 14, Berlin


Okay, Greifswald ist nicht L.A. und die Ostsee zweifelsohne nicht der Pazifische Ozean. Und der Vollständigkeit halber: Jürgen Landt ist natürlich nicht Charles Bukowski, aber in seinen neuen Kurzgeschichten spielt er locker in der gleichen Liga. Die Erzählungen pendeln zwischen der Jugend in der DDR und dem (Nicht-)Ankommen in Deutschland-West 1983. Sympathisches aus dem Land der Loser und der Tristesse, stets mit viel Wortwitz und ohne Larmoyanz erzählt. Bereits die Jugend gestaltet sich anstrengend: die Mutter erwischt den Ich-Erzähler beim Masturbieren und hält ihm vor, daß er schon als kleines Kind sich stets „eingetobt“ hätte. Fast folgerichtig, daß der Weg später ins Hamburger Rotlicht-Milieu führt, wo Landt sich über eine Autorengruppe aufregt, die dort eine Lesung veranstaltet: „Jungs, die Kabinen sind zum Onanieren da!“. Neben dem charmanten Humor, fällt die Einsamkeit auf, die sich als Motiv in die Geschichten von der Küste schleicht. Präzise Beobachtungen des alltäglich Zwischenmenschlichen. Grotesk, wie in der letzten Story „Schlafplatzwechsel“ ein Ehepaar nicht miteinander, sondern übereinander im Doppelstockbett schläft. Jeden Sonntag wird getauscht und der stetige Auf- und Abstieg gleicht einem Machtkampf. Der letzte Freund bleibt die Zigarette.

rk
„Libus“ Nr. 14, Berlin
Jürgen Landt - Sozialhorror als menschliche Realität von M. Kowalzyck, Ostsee-Zeitung


Greifswald. Zuerst einmal eine Zigarette. „Guten Abend“, wünschte Jürgen Landt, freier Schriftsteller und Träger des diesjährigen Literaturpreises Mecklenburg-Vorpommern am Freitag Abend im Soziokulturellen Zentrum St. Spiritus. Und begann zu lesen: „Plüsch aus“. Neue Texte. Alte Erinnerungen?
Skurril wie die Titel seiner Texte ist die Schreibe, mit der der gebürtige Demminer ein sonderbar düsteres Bild von seinem Heimatland zeichnet: „Ist es Mecklenburg oder Pommern in seinem ewigen Schiss?“ Ist es Sarkasmus oder Zynismus, wie Jürgen Landt in schonungsloser Derbheit beschreibt, was er in den Wohn- und Schlafzimmern dieses Landes sieht? „Wo hab’ ich denn nun hingekotzt?“ lässt er einen seiner Protagonisten raunzen, und überhaupt erscheint in seinen Texten der Mensch in diesem Land als missmutig, griesgrämig, unfreundlich, unfriedlich. Stimmt doch auch? Sarkast ist, wer beißenden Spott trefflich formuliert, Zyniker hingegen, dessen Spott aus eigener Verbitterung erwächst. Im Publikum wird gelacht. Man möchte weinen.
Eine zweite Zigarette. Jürgen Landts Beobachtungen und Beschreibungen, seine Überzeichnungen und Übertreibungen klingen nach Erinnerung. Sie schmecken authentisch, umso mehr, da Landt trocken und emotionslos, beinahe unbeteiligt und mit landestypischem Tonfall vorträgt: „Sie standen dem Leben misstrauisch und verachtend gegenüber.“ – „Ihre Liebe war so klein, vielleicht noch nicht einmal unter einem Emotionsmikroskop zu sehen.“ – „Er war froh, dass sie nicht mehr tanzte.“ – „Rotzkotz.“
Im vollen Saal des St. Spiritus rauchen nun scheinbar alle, alle, alle – und Dunst wabert zur Decke, als wolle er den Himmel verdunkeln. Ist es der Rauch, der Tränen in die Augen treibt oder sind es die schaurigen Beziehungen, die – wenn nicht bereits tot – unheilbar krank sind? „Ein Gefühl, das er brauchte – seine unter ihm liegende Frau“. Ganz wie im realen Leben ist immer wieder Sexualität zentrales Thema, doch erscheint sie hier stets unerfüllt und unbefriedigt, erniedrigend und unbefriedigend. Noch eine Zigarette.
Wohl als Prototyp des Pommers taucht in mehreren Texten „Peter Sorgenich“ auf: latent gewalttätig, alkoholisiert, emotionsarm. Jürgen Landt schreibt und liest im Fäkal- und Genitalbereich. Da mag es fast verwundern, dass solcherlei sprachliche Entgleisung mit einem Literaturpreis bedacht wird. Doch hinter der derben Sprache, hinter dem derben Humor verbirgt sich „Sozialhorror“ als eine menschliche Realität, die allein man bloß nicht wahrhaben will. Das grauschwarze Porträt vom Land der Rapsfelder und Alleen hängt nicht schön neben Caspar David Friedrich…
Mag das Porträt auch unvollständig sein – Jürgen Landts Beobachtungen sind keineswegs unzutreffend. Sie sind weniger Satire als eher bittere Realsatire, die ins Schwarze trifft, weil sie ein Dunkel in diesem Land beleuchten. Dem Buch „Bis zum Hals“ (2001) folgt demnächst „Immer alles kurz vorm Tod“ (beide bei Bench Press Publishing). Wer nicht will, muss ja nichts über die Realität lesen. Aber es ist gut, dass einer sie aufschreibt.
Jürgen Landt schreibt über Außenseiter von Wolfgang Gabler, Ostsee-Zeitung


„In Echt“ ist das sechste Buch, das der Greifswalder Schriftsteller Jürgen Landt (geb. 1957) in den letzten sieben Jahren veröffentlichte. Im Prolog reden zwei Leser über Klaus Spurmann, das Alter Ego Landts in manchen Geschichten: „Hat gesoffen wie ein Loch (…), hat jahrelang sein Geld verspielt und seine Frau obendrein und bildet sich ein, Schriftsteller zu sein!“ – „Was schreibt er denn?“ – „Na nichts, eben nur Scheiße! Über Menschen, aber total profan! Und das mit den einfachsten Worten, die du dir vorstellen kannst.“ Solche Vorurteile kennt Jürgen Landt zur Genüge, und er muß sie aushalten, auch wenn sie unsachlich sind.
Daß der Band einen Prolog hat, verweist auf eine strengere Ordnung der meist nur wenige Seiten langen Geschichten. In drei Kapiteln beschreibt der Autor seine Erfahrungen in der DDR, mit dem Schreiben, mit den Rätseln der Welt und der Frauen.
Landt war und ist ein widerspenstiger Autor. In der DDR hätte er niemals veröffentlichen dürfen, nun wird er kaum zur Kenntnis genommen. „Doch lieber ignoriert als eingesperrt“, sagt er heute. Als Person ist das für ihn ein wesentlicher Unterschied – als Autor nicht.
Diese Ignoranz hängt mit Landts Stoffen zusammen. Meist sind es Sonderlinge, die ihn interessieren. Wie „Holländer-Johnny“, der in den 50er-Jahren wegen der Frauen aus „dem freien Westen ins unfreie Pommern“ kam.
Mit ihm arbeitete der Ich-Erzähler im Heizhaus einer Brauerei. Als er nach einer mit Johnny durchzechten Nacht auf einem sowjetischen Ehrenmal erwacht, mit Grabkranz und roter Schleife um den Hals, schimpft seine junge Frau: „Denk doch mal an deine kleine Tochter!“ – „Und dann dachte ich an meine kleine Tochter und wußte nichts mehr.“ Ein für Jürgen Landt typischer letzter Satz. Weder ist er so unbestimmt, wie er auf den ersten Blick erscheint, noch biedert er sich beim Leser durch Erklärungen an. Nein, hier ist ein Leser gefordert, der sich von der oft drastischen Oberfläche der Texte nicht irritieren läßt, sondern der sensibel und selbstbewußt wahrnehmen und urteilen kann.
Außenseiter-Existenzen wie Holländer-Johnny sind für Landt literarisch am ergiebigsten, weil sie das Niveau gesellschaftlicher Souveränität und Toleranz anzeigen. Landt selbst hat eine solche Existenz am eigenen Leib erfahren, bevor er 1983 ausgebürgert wurde. Hierbei machte er Bekanntschaft mit jener DDR, die vielen unbekannt war oder heute ausgeblendet ist.
Doch Landt schilder seine Erlebnisse in der U-Haft, auf dem Wehrkreiskommando oder mit Bahnpolizisten weder zur Abrechnung, noch geht es ihm um Rechthaberei. Künstlerische Qualität bekommen die Texte durch ihre erzählerische Naivität. Dieser Ton verhindert jeden Anflug von „Betroffenheitsprosa“, er verfremdet scheinbar Vertrautes, gibt den Geschichten Ironie und überraschende Wendungen; etwa wenn ein Autor eine 34-Jährige fragt, ob er über ihre Beine schreiben darf, weil sie nicht zu ihrem kindlichn Gesicht passen.
Immer wieder erzählt Landt von Frauen. Sie erinnern ein wenig an die ordinären, rebellischen Frauen aus Wolfgang Hilbigs „Die Weiber“ – (1987). Bei genauerem Hinsehen jedoch erweisen sie sich als originär Landt’sche Figuren. Sie haben keine Botschaft und sie beweisen nichts. Sie sind wie die Welt, deren Schöpfer sich „vorübergehend aufgegeben zu haben“ scheint: „nicht schön, aber unglaublich glaubhaft“.
Kleine Katastrophen des Alltag - Erzählband von Jürgen Landt von Wolfgang Gabler, Ostsee-Zeitung


Rostock (OZ) „der mann ließ die jalousie seines nachtraumes hochschnellen, betrachtete das strahlen der straßenlaterne und wartete, bis ihr am nächsten tag das licht ausging.“

So lautet der letzte Satz im jüngsten Erzählband des Greifswalder Autors Jürgen Landt (geb. 1957). Ein solcher Satz erscheint nicht zufällig an solch auffälliger Stelle.

Liest man ihn mehrmals, spürt man seine angespannte Tristesse. Ein Tonfall, der in früheren Texten Landts weniger hörbar war. Doch diese Gefühlslage wird gleichsam mit wortspielerischem Humor durchsetzt: Der Straßenlaterne geht das Licht aus wie dem Mann in einer anderen Geschichte die Zähne oder das Geld. Dadurch wird die Traurigkeit nicht kleiner, aber die Stimmung komplexer. Und in der konzentrierten Darstellung mehr oder weniger schlecht gemischter Gefühle findet sich Jürgen Landts hier und anderswo weitgehend unentdeckte Meisterschaft, und es bewährt sich erneut seine ausgereifte Schreibkunst.

Charakteristisch sind unscheinbare Alltagsszenen, in denen der Leser einem Mann begegnet, der mal „jürgen landt“ heißt oder „peter sorgenich“ oder „der mann“. Oft hält er sich an Orten auf, die auf irgendeine Weise mit einem Ruch behaftet sind: im Krankenhaus oder in einer Psychiatrie, in Kneipen zu empörend später Stunde, im Bett am Vormittag. Diese Auffälligkeit erhält ihren faszinierenden Reiz jedoch erst durch die Art der Aufmerksamkeit, die der Erzähler diesem Mann widmet. Denn entgegen dem Eindruck, den die Titelgeschichte vermittelt, sind Ich-Erzählungen bei Landt selten. Aus gutem Grund. „Verfremdung“ ist am ehesten das Stichwort für die distanzierte Weltsicht, die in Jürgen Landts Geschichten herrscht. Sie zielt jedoch nicht auf die Belehrung des Lesers, sondern verleiht den Texten einen enormen Witz und erzählerische Genauigkeit. Landt kombiniert hierfür gewissermaßen eine doppelte Perspektive. Was nach den Gesetzen der Optik unmöglich ist, gelingt in Landts Kunst: Ein Vorgang wird gleichzeitig in Distanz gebracht, dabei trotzdem wie unter einem Mikroskop betrachtet und radikal ins Extrem geführt. So kann der vergebliche Versuch, mit „sicherheitszündhölzern“ aus dem „klick-markt“ eine Zigarette anzubrennen oder die Ohren zu reinigen, eine existenzielle Krise heraufbeschwören. Selbstverständlich führt solche unerbitterliche Zuspitzung zu surrealen Szenen von krotesker Komik. Doch wie bei allen guten Witzen spürt man auch in Landts Texten einen Todeshauch.

Der Erzähler dieser Miniaturdarstellung großer Katastrophen gibt sich indessen meist unerschüttert. Wenn die männlichen Hauptfiguren ausrasten, nimmt er das eher normal zur Kenntnis. Die doppelsinnige Atmosphäre der keinesfalls zu unterschätzenden Texte wird auch diesmal durch die Illustrationen Cathleen Heilmanns kräftig unterstützt. Ihre feinen Bleistiftzeichnungen von Monstren sind Darstellungen von Verwachsungen der Angst und Verzweiflung. Erst auf den zweiten Blick enthüllen sie sich als eigenständige Kommentare zu den Texten, da sie jene Schichten bloßlegen, vor denen vielleicht sogar der Erzähler zurückschreckt.

Dem rundum empfehlenswerten neuen Erzählband von Jürgen Landt ist zu wünschen, daß der kleine Kreis der Kenner dieser Kunst sich erweitern möge. Vom nicht eben anziehenden Titel des Bandes sollte man sich dabei nicht abschrecken lassen.
Schreiben gegen Zwänge von Dietrich Pätzold, Ostsee-Zeitung


Greifswald (OZ) Jom-na? – „Jomna. Ja.“ Das kleine Mädchen, 15 Monate alt, blinzelt neugierig aus ihrer Spielecke herüber. „Ich brauchte zwei Tage, um den Namen beim Standesamt durchzukriegen.“
Wenn Schriftsteller Zeitlos-Gültiges in die Welt setzen, dann hat Jürgen Landt schon eine Spur hinterlassen. Den Namen Jomna gab es vorher nicht. Er hatte vor 12 Jahren die Geburt seiner Tochter mit all ihren Komplikationen geträumt, erzählt er. Damals entstand ein Text darüber. Das Neugeborene im Traum hieß Jomna, darum mußte auch das wirkliche Töchterchen so heißen. Klar.
Dabei ist der Vierzigjährige mit den langen und deutlich angegrauten Haaren alles andere als ein spiritueller oder religiöser Mensch. Wenn es überhaupt etwas gibt, woran er sich orientiert, dann die eigene Erfahrung. „warum philosophien einfach nur herzkettchen ohne anhänger zum tragen blieben“, heißt es in einem seiner älteren Texte, in dem sonderbare „Warum“-Fragen fröhlich durcheinanderpurzeln, als wäre es des Autors grimmiger Spaß, zusammenzumixen, was nicht zusammen gehört. Nicht Philosophien oder Glaubensregeln, nur die eigene Erfahrung gilt.
Die freilich hat der gebürtige Demminer reichlich gesammelt. Als er Silvester 1983 mit Koffer und Schreibmaschine Marke „Erika“ auf der Reeperbahn eintraf, hatte er die schlimmsten Erlebnisse hinter sich. Das erste Mal war er 1974 in den Knast gekommen, ein 17jähriger im Erwachsenenvollzug. „Da ging es nur im Laufschritt. Ich dachte, da komme ich nie wieder raus.“ Danach als Bürger mit eingeschränkten Rechten, statt Personalausweis die Klappkarte „PM12“. Damit wurden selbst Reisen nach Ostberlin, etwa zu Lesungen, die er dort seit 1981 in Privatwohnungen mit eigenen Texten machte, riskante Aktionen.
Warum überhaupt der Konflikt mit dem DDR-Staat? Es sei der Zwang gewesen, den er nicht ausgehalten habe. Er wollte nicht arbeiten, wie es verlangt wurde, und da deshalb Druck auf ihn ausgeübt wurde, „konnte es eben passieren, daß man mal über die Stränge schlug.“ Sowas wie Rowdytum? Er widerspricht nicht und ergänzt, daß meist Ordnungshüter betroffen gewesen seien. „ In Wirklichkeit bin ich kein politischer Mensch. Ich halte nur solche Zwänge nicht aus.“
Es gab weitere Knasterlebnisse, Ausreiseanträge zog er unter dem Druck zurück, 1983 folge überraschend die Ausbürgerung. Seine Frau und ein Kind blieben in Demmin – man hatte der Frau gedroht, ihr das Kind zu nehmen.
Eine harte Erfahrung. Landt schlug sich durch. Und produzierte intensiv Texte. In Hamburg begann er, seine „Type-Arts“ zu gestalten, mit der Schreibmaschine getippte Bilder („weil die Sprache zu begrenzt war“). Doch die daraufhin angebotene Möglichkeit zum Kunststudium schlug er aus – wegen des Zwangs, sich fremde Techniken anzueignen.
„Schreiben“, so meint er heute, „ist meine Bestimmung. Es geschieht zwanghaft.“ Der Autor, der 1991 zurück nach Greifswald gezogen war, plaudert aus seiner Textwerkstatt. Zunächst werden Gedanken und Redewendungen notiert: „Fundamente legen“ nennt er das. Ungefähr 500 solcher „Fundamente“ hat er mittlerweile angelegt, an denen er immer wieder arbeitet. Erst nach strengster Bearbeitung entläßt er einen Text als fertiges Werk. Etwa 200 fertige Texte entstanden so: in erstaunlich präziser Sprache gehaltene, mit hintergründigem Witz oder kräftig obzönen Gedankenspielen gewürzte Erfahrungs- bzw. Befindlichkeitsberichte. Wer Jürgen Landt nach seinem übergreifenden Thema oder Anliegen fragt, muß sein langes Grinsen abwarten bis zur kurzen Antwort: „Vielleicht die Unverständlichkeiten zwischen Mann und Frau.“
Seine Texte verschickt er seit Jahren an Literaturzeitschriften – „in die Umlaufbahn schicken“ nennt er diesen Arbeitsgang. Das geht nach einem fröhlichen Zufallsprinzip: Wenn ihm der Name einer Zeitschrift gefällt, erhält sie ein Angebot. So stieß er auch auf das Projekt zur Wiederbelebung der Rostocker Literaturzeitschrift „Risse“, die erstmals wieder Ende März erscheinen soll, mit einigen seiner Texte.
Zeitweise läßt es sich von den Honoraren leben. Hinzu kommen ein paar Lesungen, und sein drittes Heft mit eigenen Texten „Der Gang durch die Tüte“, illustriert durch seine Lebensgefährtin Cathleen Heilmann, ist soeben in der Get Up & Shine Greifswald erschienen. Startauflage 2000 Stück. Im Buchhandel gibt es diese Texte nicht. „daß ich mich zu lebzeiten mit meinen schriftzeichen in keiner buchhandlung wiederfinden würde“, hält Landt in seinem Heft für sicher. Er ist wohl ein Mann des Inoffoziellen, des Undergrounds, der sonderbaren Perspektive – und ohne jede Ambition auf eine domestizierte Karriere im offiziösen Literaturbetrieb. Man staunt, was es alles gibt.
Thema mit Variationen von Martin Langanke, Laufschrift, Nr.11


„Ficken und Saufen“ ist ein literarisches Thema von bekanntermaßen hoher Dignität.Wie alle Hochwert-Themen fordert es freilich seinem Bearbeiter ein Höchstmaß an handwerklicher Virtuosität ab.
Mit dem Erzählband Bis zum Hals beweist der Greifswalder Schriftsteller Jürgen Landt, dessen Prosa das ende der hamburgzone wir in der letzten LAUFSCHRIFT abgedruckt haben, daß er seinem Thema gewachsen ist. In immer wieder neuen, skurilen Variationen geht es fast nur um Sex mit Alkohol, Sex ohne Alkohol und Alkohol ohne Sex.
Da ist zum Beispiel die Erzählung mit dem wundervoll pompösen Titel Mindestens haltbar bis Ende 2002, oder: Makrelenfilets ohne Haut und der schlürfende Zweifel in der Tiefgarage der Mundhöhle: Natürlich geht es in dieser Erzählung nicht um Makrelenfilets. Aber die Dose in der die Filets vielleicht einmal gewesen sind, spielt eine gewisse Rolle. Denn in dieser Dose beerdigt der betrunkene Ich-Erzähler, nachdem er nach einem schnellen Fick wieder nach Hause zurückgekehrt ist, die toten Insekten, die sich in der Wohnung angesammelt haben. Oder die Geschichte Blutbahnwetter im schwankenden Stimmungstau: Hier fragt der Ich-Erzähler seinen weiblichen Gast „Willst Du auch?“ Er meint aber eine Dose kalte Ravioli, die in einer winzigen Spur nach Samen riecht. Die Frau aber meint sie beide: „Kalte Ravioli will ich nicht!“. In der Erzählung 400 Gedanken im Kopf schließlich greift der Erzähler nach Malzbier, der Gin kommt erst später. Vor Malzbier und Gin aber öffnet er sich ein Glas Schweinskopfsülze im Gewicht von 400 Gramm, denn: „Er hatte schon immer eine Schwäche für Köpfe und ein wenig auch für deren Inhalte.“ Wem die impotenten Bukowski- und Fauser-Imitatoren die Freude an derben Skurillitäten noch nicht endgültig ausgetrieben haben, wer Texte zu schätzen weiß, in denen der Topos der alkoholisierten Männlichkeit ein Feuerwerk an Sprachwitz und Situationskomik freisetzt, dem sei Landts Prosa-Band empfohlen. Und den anderen auch!
Von Neugier getrieben den Dingen auf den Grund von S.Z., Ostsee-Zeitung
Greifswald. Die Augen guckten schon trotzig, als die Haare noch glatt gescheitelt und wahrscheinlich mit Muttis Spucke am Kopf festgeklebt waren – siehe Einschulungsfoto. Heute sind die Haare von Jürgen Landt lang und grau und die Augen gucken noch trotziger, fast beängstigend. Er baut Distanz auf mit seinen Augen. So scheint es. Dabei beobachtet er nur ganz genau. „Ich bin von animalischer Neugier“. Nichts interessiert ihn mehr als die Menschen mit ihren Macken und den Verletzungen, die sie sich gegenseitig beibringen. Und das schreibt er auf. In Worten, die mancher nicht zu denken, geschweige denn auszusprechen wagt. In drastischer und doch melodischer Sprache extreme Situationen beschreibend. Oder kleine Alltagsepisödchen, die derjenige, der durchs Leben hetzt, schnell vergißt. Nicht Jürgen Landt. Er hat sich dafür entschieden, nicht zu hetzen, sondern sich Zeit zu nehmen fürs Wahrnehmen, Beobachten und Aufschreiben, und dafür nicht den Luxus von ständiger materieller Sicherheit zu kennen.
Seine Geschichten bauen nicht auf. Sie sind schon gar nicht schön und wohltuend. Sie sind lakonisch, bitterböse, grotesk und voller Situationskomik. Die tun auch weh. Landt schreibt schonungslos und kompromißlos. So muß er wohl schon immer gewesen sein. 1957 in Demmin geboren, konnte er sich nicht mit der DDR arrangieren. 1983 nach Gefängnisaufenthalten aus politischen Gründen, mußte er in einer Winternacht binnen 12 Stunden die DDR verlassen. „12 Stunden Zeit, um mich von Frau und Kind zu verabschieden“. Dann ging es mit „Erika“, der Schreibmaschine, in einem geschlossenen Bus durch die Sperrzone und dann nach Hamburg. Diese Zeit, die Jürgen Landt „Übergang“ nennt, verarbeitet er derzeit in Geschichten. Erschienen sind sie noch nicht. Fünf Bücher mit Erzählungen sind bereits herausgekommen. Die Stiftung Kulturfonds Berlin und das Land förderten ihn mit einem Literaturstipendium. Was ihn quält, ist die Beschränktheit der Sprache. Das Gefühl, nicht alles so ausdrüken zu können, wie er es fühlt. Es gibt Mißverständnisse, weil jeder die Geschichten so liest, wie er sie versteht. So, wie es ständig Mißverständnisse zwischen Mann und Frau gibt. Diese sind am häufigsten Stoff seiner Geschichten. Wer sie hören will, der komme heute Abend ins St. Spiritus. Um 20 Uhr liest Jürgen Landt aus „Immer alles kurz vorm Tod“.